Ausprobiert: Bio-Dünger selbst gemacht

„Urban Farming“ ist der weltweit neueste Trend um die Welt der Zukunft mit Essen zu versorgen: Nahrung wird in der Stadt produziert; der Balkon wird aus Mangel an echten Gärten zum Gemüsegarten. Die Transportwege schrumpfen, das Mikroklima in den Städten wird durch die neu entstehenden Grünflächen natürlich besser, der Mensch bekommt endlich wieder eine richtige Beziehung zu seinem Essen. Klingt mal wieder super! Und tatsächlich: Sogar der Umweltmotzer hat sich einige Pflanzen geholt und den Balkon in eine Bio-Tomatenfarm verwandelt:

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„Wildtomaten“ und (rechts hinten) eine „Strauchtomate“ Quelle: Umweltmotzer

Erstes Problem: Die Erde

Am Anfang erstmal ab in den Baumarkt Blumentopf kaufen, Tomatensetzlinge kaufen und ab in die Abteilung mit der Blumenerde…Hier hab´ ich dann ungefähr 20 Minuten verbracht… Das Angebot dort ist erdrückend, es wimmelt vor „Bio“ und „Aus nachwachsenden Rohstoffen“ und sehr oft „angereichert mit Hochmoortorf“… Um ehrlich zu sein: ich muss echt sehr genau hinschauen um eine Erde zu finden in der kein Torf enthalten ist. Seit Jahren saufe ich mich von einem Kasten Warsteiner zum nächsten , nur um die Moore zu retten (Regenwald ist Out!) und dann kann ich Torf einfach so als Gartenerde kaufen?! Nach ein paar Minuten finde ich die „Compo Bio Erde“, eine torffreie Variante des „Erdgiganten“ Compo . Ein kurzer Blick ins Internet offenbart jedoch:

„Mit 1,47 mg/kg wies die Compo Bio Universal-Erde, torffrei einen stark erhöhten Cadmium-Gehalt auf. Nicht nur, dass ab 1,5 mg ein Inverkehrbringen laut Düngemittelverordnung verboten ist, auch sind Hersteller verpflichtet, Cadmium ab 1 mg pro kg auf dem Produkt zu deklarieren.“Ökotest 2012.

Diese Erde scheidet also auch aus…

Die Inhaltsstoffe der meisten Gartenerden sind übrigens Reste der Nahrungsmittelindustrie , Guano (Pinguinscheiße, importiert aus dem fernen  Südamerika), Holzfasern und Perlit; ein vulkanisches Gestein was in Erde eigentlich nicht sooo viel zu suchen hat.

Übrigens: Die Erde für meine Tomaten habe ich dann bei der RSAG in Siegburg gekauft: Die Zutaten sind regional, es ist kein Torf drin und auch auf Perlit wird verzichtet. Wenn man etwas mehr Erde braucht sind die Kubikmeterpreise hier unschlagbar. Die Tomatensetzlinge haben das EU-Bio Siegel und anscheinend unterstütze ich mit dem kauf der Wildtomaten ein Artenschutzprogramm.

Insgesamt (mit zwei Blumentöpfen, 50l Erde und einer Rankhilfe+Draht ) habe ich ungefähr 15 Euro ausgegeben. Für ein Kilogramm Biotomaten zahle ich maximal(!) fünf Euro, nur so am Rande…

Zweites Problem: Der Dünger

Jeder Gärtner weiß: Für gute Erträge, muss der Boden gedüngt werden. Da Pflanzen beim Urban Farming meistens in Töpfen wachsen, sind die Nährstoffe noch limitierter als im normalen Garten, es muss also auch mehr gedüngt werden.

Der wohl bekannteste Dünger ist der gute alte „Blaukorn“: Blaue Körnchen, angefüllt mit Kunstdünger, die jeder Pflanze auf die Sprünge helfen sollen. Was wenige Leute wissen: Blaukorn enthält Phosphat und damit auch Uran: Durch den Einsatz von Kunstdüngern ist die Urankonzentration auf Feldern  seit Jahren angestiegen und geht ins Grundwasser (und Trinkwasser) über. Für Urban Farming (und auch für einen normalen Gemüsegarten!) ist dieser Dünger daher denkbar ungeeignet und sollte vermieden werden. Außerdem tötet Blaukorn-Dünger das Bodenleben ab.

Selfmade Bio-Dünger?

Die Alternative ist Bio-Dünger: Diesen kann man entweder teuer kaufen oder man schaut sich ein paar Youtube-Videos an, recherchiert ein Wochenende lang und bastelt sich seinen eigenen Dünger zusammen: Mein Dünger besteht aus Asche (Holzofen), Kaffee- und Teesatz, Eierschalen (gemahlen), Hornspänen, Knochen- und Steinmehl. Das alles einfach zu gleichen Teilen vermischen et voilà, ein billiger Bio-Dünger, dem es an nichts fehlt: Stickstoff, Phosphor, Kalium und einige Spurenelemente reichen, um die Pflanze durch eine Saison zu bringen. Der Nachteil: Circa die Hälfte der Inhaltsstoffe stammen aus Schlachtabfällen. Für Vegetarier oder Veganer ist es leider unmöglich eine „biologische“ Alternative zu finden, die nicht auf tierische Produkte zurückgreift. Klar geht das ganze auch ohne zusätzliche Dünger, die Erde besitzt ja auch Nährstoffe. Nach einigen Wochen im beengten Blumentopf sind diese aber entweder aufgebraucht oder ausgewaschen, die Pflanze bekommt entweder Mangelerscheinungen oder einen kümmerlichen Ertrag.

Für den Dünger habe ich zehn Euro ausgegeben, womit wir insgesamt bei 25 Euro wären, plus drei Euro für eine Gießkanne.

Übrigens: Falls euch der ganze Kram mit Düngern und so weiter interessiert: Hier ist eine spannende Doku zur „Phosphor-Krise“. Lasst euch durch den apokalyptischen Titel nicht abschrecken, das ist Arte und kein N24!

 

Lohnt sich das dann überhaupt?

Nein, auf keinen Fall. Jedenfalls in meinem Fall nicht: Das ganze Experiment fand letztes Jahr statt, insgesamt hatte ich eine kümmerliche Hand voll Tomaten (Geschmacklich ok ), für einen Tomatensalat hat es jedenfalls nicht gereicht. Schuld daran waren die Töpfe, die sich als viel zu klein herausgestellt haben. Daneben hatte ich noch einige Salatköpfe in Balkonkästen stehen, die sind echt gut geworden.garten

Salat im Kasten und später in der Schüssel. Quelle: Umweltmotzer

Am Ende hat mich das ganze circa 30 Euro gekostet. Für das Geld hätte ich im Biomarkt ungefähr sechs Kilogramm Tomaten bekommen. Von dem Dünger ist aber noch eine Menge übrig, einem neuen Versuch steht also nichts im Weg 😀

Mein Fazit des Ganzen: Gärtnern in der Stadt ist möglich, wenn die Voraussetzungen stimmen und man das nötige Know-How hat. Die Erde selbst ist ein Punkt auf den man nur zu Beginn achten muss, da man diese durch Aufbereitung mit Kompost immer wieder benutzen kann. Das größte Problem ist jedoch die (biologische) Düngung der Pflanzen: Die Zutaten kommen meistens aus Schlachtabfällen oder von weit entfernt, da Deutschland keinen eigenen Phosphorvorkommen hat. Auf Kunstdünger sollte komplett verzichtet werden, da diese das Bodenleben stören und leichter ausgewaschen werden. Durch die Bio-Dünger kann das Ganze jedoch recht teuer werden…

Ob es sinnvoll ist, Erde, Dünger und Pflanzen in die Stadt zu transportieren anstatt die fertigen Produkte? Ja, ist es, wenn sonst keine frischen Produkte zu bekommen sind, beispielsweise wenn Kühlketten und Transport nicht garantiert werden können. In Detroit und Kuba wird dies bereits seit einigen Jahren praktiziert: Mit einfachsten Mitteln wird hier Dünger aus Wurmhumus und Nutztieren produziert. Bereits jetzt werden viele Menschen regulär mit Essen aus der näheren Umgebung versorgt, Tendenz weiter steigend.

 

Euer Umweltmotzer

 

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